Das Leben als Spiegel

10.10.2014

 

„Die Welt liebt dich!“
„Du machst es gut!“
„Du bist nicht alleine auf dem Weg!“


Wie reagiert unser Inneres auf diese Worte? Ich glaube viele fühlen sich nicht wirklich „von der Welt geliebt“. Zu oft mussten Verletzungen erfahren werden. Sicher können es auch einige von uns nicht glauben, dass sie „es wirklich gut machen“. Und auch, wenn es der Wahrheit entspricht, dass wir „nicht alleine auf dem Weg sind“, (unsere Brüder und Schwestern sind mit uns auf dem Weg) fühlen wir uns trotzdem immer wieder „auf unserem Weg alleine“.


Betrachten wir in Ruhe unser Leben: Wo ist es bestimmt durch Einsamkeit? Und wo zeigen sich die Früchte unseres Vertrauens und Urvertrauens?

Vertrauen und Urvertrauen sind im Herzen und im Bauch angesiedelt. Viele sind sich nicht bewusst, dass Vertrauen und Urvertrauen Herz- und Bauchqualitäten sind. Stellen wir uns vor, ohne Vertrauen und Urvertrauen unterwegs zu sein. Wir wären vermutlich sehr einsam; es gehört Vertrauen dazu, sich auf andere Menschen einzulassen. Anstatt zu vertrauen wären wir von Misstrauen geplagt und würden uns von den Menschen distanzieren. Durch wirkliches Vertrauen entstehen Verbindungen und wir erfahren Verbindlichkeit.


Was geschieht, wenn unser Vertrauen missbraucht wird? Werden wir der betreffenden Person in der Folge genau so vertrauen können? Wenn unser Vertrauen immer wieder enttäuscht wird, werden wir uns früher oder später zurückziehen. Menschen, die zu oft enttäuscht wurden in ihrer Hingabe an andere, ziehen sich häufig in sich selbst zurück, um neuen Verletzungen vorzubeugen.


Aufgrund der vielen Enttäuschungen wird es immer schwerer, sich mit ganzem Herzen auf das Leben einzulassen.


Leider findet dadurch eine Schmälerung der Lebensfülle statt. Das Leben benötigt einen gewissen Vertrauensvorschuss, um uns zu beschenken.


Ist es aber nicht auch so, dass das Leben selber uns immer wieder enttäuscht hat? Im Unbewussten lagern viele Enttäuschungen aus früheren Leben. Oftmals haben wir uns, in der Hoffnung, dass alles gut kommt, bemüht zu vertrauen. Häufig hat das Leben aber unsere tiefsten Wünsche unerfüllt gelassen!


Das Leben aber meint es mit uns exakt so gut, wie WIR es gut mit UNS meinen!


Um in die Fülle des Lebens zurückzufinden, braucht der Mensch nicht nur neues Vertrauen, das er ganz bewusst aufbaut, er braucht auch die Erkenntnis, dass das Leben ihn spiegelt - in allem.
Würden wir anfangen durchgängig so zu denken, würden wir sehr schnell in die Selbstverantwortung hineinwachsen und nicht mehr allem und allen anderen (der Nachbarin, dem Schicksal, dem Chef, dem Leben, dem Wetter etc.) die Schuld für unsere Misere geben.
Es ist einfach aber wirksam, die Idee in sich zu nähren: „Das Leben spendet mir viele kleine und grosse Spiegel meiner Selbst - tagtäglich. Ich brauche nur hineinzuschauen und kann erkennen, wo ich gerade stehe.“


Die folgende Vorstellung schliesst an diese Idee an und unterstützt fruchtbare innere Prozesse: „Wenn du etwas ersehnst, schöpfe es immer zuerst aus deinem Inneren. Erschaffe es zuerst in dir, um es dann in dein Lebens zu pflanzen!“ Als Beispiel: wenn es dir an Anerkennung fehlt, anerkenne erst ehrlich dich selbst. Früher oder später wird das Leben dir dies spiegeln und du darfst Anerkennung erfahren.


Es ist nicht einfach, in sich selber die Dinge zu erzeugen, denen es im eigenen Leben mangelt. Wir alle neigen viel eher dazu, uns über die fehlenden Dinge zu beklagen, als sie aktiv im Inneren aufzubauen.


Stehen wir drei Tage nacheinander mit dem Bewusstsein auf: „Alles ist ein Spiegel meiner Selbst“. Denken wir den ganzen Tag bei allen kleinen und grossen Geschehnissen „…Spiegel meiner Selbst!“.


Vermutlich werden wir Reaktionen in uns erleben wie: „Was?! Mein langweiliger Partner, der mir mit seinem Gähnen und seine Langeweile auf die Nerven geht, soll ein Spiegel meiner selbst sein?! Ich will Action und Bewegung, ich bin ganz anders als er! Nein, er ist nicht mein Spiegel!“ Und doch, der Lebenspartner ist auch unser Spiegel! Die Frage ist nur, WAS er uns spiegelt. Wenn wir uns über unseren langweiligen Partner ärgern, weil wir gerne mehr Action hätten, spiegelt er uns vielleicht unsere Unfähigkeit, tief in uns zur Ruhe zu kommen.


Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie uns das Leben den Spiegel vorhält. Wichtig ist, mit Feingefühl heraus zu spüren, was uns der Spiegel über uns erzählt. Meistens sind die Botschaften differenziert und nicht platt.


Was spiegelt uns das Leben, wenn unser Geschäft seit einigen Jahren keinen Gewinn mehr abwirft und wir vielleicht am Rande der Existenz stehen? Es könnte uns den fehlenden Selbstwert spiegeln. „Ich fühle mich nicht wertvoll, also ist das, was ich tue und das, was aus meinen Taten erwächst, auch nicht wertvoll. Und wenn ich etwas verkaufe, ist das auch nichts wert. Wenn das, was ich verkaufe also nichts wert ist, wieso sollen es Menschen dann kaufen?“


Oder ein Mensch betrinkt sich tagtäglich, weil er überfordert ist und vergessen möchte, dass es ihn gibt. Dieser Mensch wird mit der Zeit Probleme bekommen, das wissen wir. Sein übermässiger Alkoholkonsum wird ihn schwächen, nicht nur körperlich auch seelisch. Das wird sich mit der Zeit auf die Beziehungen, auf die Arbeit und auf sein ganzes Leben auswirken. Er wird immer leerer und leerer, obwohl er sich täglich mit Hilfe der Alkoholflasche „füllt“. Hier können wir nicht von Spiegelung sprechen, sondern von Konsequenzen, die aus unseren Handlungen erwachsen.


Lernen wir zu unterscheiden, wo uns das Leben die Folgen vergangener Taten präsentiert und wo es den Spiegel aufstellt. Das eine muss das andere nicht ausschliessen. Als Beispiel: vorgestern waren wir zu wenig warm angezogen und heute leiden wir unter einer starken Erkältung. Die Erkältung ist einerseits die Folge der vergangenen Tat gleichzeitig ist sie aber auch ein Spiegel für die fehlende Fürsorge und Selbstliebe uns selbst gegenüber.


Der Spiegel weist uns immer auf Dinge hin, die gelernt werden wollen. Das Neue in uns ruft: „Du musst etwas ändern, neue Qualitäten wollen in dir geboren werden!“


Wenn es darum geht die Folgen vergangener Taten verantwortlich zu tragen, hilft die Frage weiter: „Wie kann ich die Sache am besten bewältigen und zum Guten verändern?
Beides führt in die Selbstverantwortung und diese Art von Selbstverantwortung führt mit der Zeit in die Freiheit.


In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie sich bei den Menschen eine gewisse Erleichterung breitmacht, wenn sie „die Botschaften des Spiegels“ verstehen können.


Die Probleme sind dann noch nicht gelöst, aber es ist wieder mehr Zuversicht da, sich vertrauensvoll auf die nächsten Schritte einzulassen.


Ich wünsche Euch allen von Herzen einen wunderschönen Herbst!
Liebe Grüsse

Anita